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Oberstufenschülerinnen und Schüler diskutieren im Rahmen ihres Religionsunterrichtes das Thema „Krieg und Frieden“ beim Studientag der Otto-Friedrich-Universität Bamberg:„`Die andere Wange hinhalten` ist eine Form des Widerstandes“

Theologisches Café 2026
Datum:
Veröffentlicht: 23.3.26
Von:
Dr. Melanie Kuhn-Lange

Bamberg. Wer die Bilder des mit ca. 400 Schülerinnen und Schülern vollbesetzten Hörsaals sieht, die sich zusammen mit ihren Lehrkräften auf den Weg an die Universität Bamberg gemacht haben, um im Rahmen des Religionsunterrichts mit Theologinnen und Theologen zu diskutieren, mag sich zunächst ungläubig die Augen reiben. Solch großes Interesse an universitären Veranstaltungen herrscht in der Regel meist nur in den natur- oder wirtschaftswissenschaftlichen Fächern, es sei denn, es geht um eine so große Frage wie die nach „Krieg und Frieden“, die eine Kernfrage akademischer Theologie ist. Gerade angesichts der aktuellen weltpolitischen Situation sind junge Menschen besorgt. Dazu kommt die Debatte um den Wehrdienst, von der sie akut betroffen sind. Ein zeitgemäßer Religionsunterricht gibt diesen existentiellen Fragen Raum, hört zu, nimmt ernst und hütet sich vor vorschnellen Antworten - im Gegenteil, er regt zur vertieften, zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung an und macht diese im Idealfall möglich. So gesehen haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die am 17.03.2026 auf Einladung der Institute für katholische und evangelische Theologie nach Bamberg gekommen waren, erlebt, welche Bereicherung es sein kann, wenn Schule und Uni zusammenarbeiten.

Schwerter zu Pflugscharen

Der ersten Vortrag, den Lena Janneck für die erkrankte Prof.in Dr. Kathrin Gies übernahm, fokussierte aus alttestamentlicher Perspektive die Frage „Mit der Bibel gegen den Krieg und für den Frieden?“ Dabei wurde der Krieg als historischer Tatbestand in der Welt des ersten Testaments vor dem Hintergrund der orientalischen Umwelt herausgearbeitet. Die theologischen Deutungen von Krieg und Frieden schlossen sich an. Hier zitierte die Referentin zusammenfassend: „Die neuzeitlich-moderne Vorstellung eines universalen Weltfriedens, in dem allen Menschen, Ethnien, Völker und Staaten egalitär zusammenleben (sollen), ist der vormodernen antiken Welt völlig unbekannt.“ Nach der ernüchternden Beschreibung des altorientalischen Deutungshorizonts, erschloss Janneck die biblische Vorstellung von Krieg und Frieden im Spannungsfeld zwischen Gewalt und Heil, um anhand von Jes 2,2-4 „Schwerter zu Pflugscharen“ die biblischen Möglichkeiten, die zum Frieden führen können darzustellen. Hier nannte die Referentin die militärische Befriedung der Feinde (Ps 2), die Macht und Überlegenheit Gottes, sowie die göttliche Vernichtung aller Waffen (Ps 46) und die Einsicht der Völker und Orientierung an Gerechtigkeit anstelle von Gewalt (Jes 2; Mi 4). Die Bibel konfrontiere uns mit Fragen, wie beispielsweise Krieg und Frieden angesichts der Vorstellung eines gerechten und gnädigen Gottes verstanden oder wie das Böse gebändigt werden könne, so dass Frieden und Gerechtigkeit möglich sind, fasste die Referentin zusammen.

Gerechter Friede statt gerechter Krieg

Der sich anschließende Beitrag von Prof. Dr. Jürgen Bründl „`Wenn du Frieden willst, …` – Krieg und Frieden in der Lehre der Kirche“ skizzierte die Studientagsthematik anhand kirchlicher Dokumente. Im Blick auf weltweite Kriegs- und Konfliktsituationen diagnostizierte der Referent Krieg als „Zeichen unserer Zeit“ und konfrontierte die Schülerinnen und Schüler mit der Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit diesen – gerade für ihre Generation – drängenden Zukunftsfragen. Mit der Enzyklika „Fratelli tutti“ von Papst Franziskus aus dem Jahr 2020 hielt er fest: „Deshalb können wir den Krieg nicht mehr als Lösung betrachten …“ (FT 258) und stellte in Frage, ob es theologisch noch möglich sie, von einem „gerechten Krieg zu sprechen“. Er forderte Friedenspolitik anstelle von Kriegslegitimation und stellte die „Befriedung“ als umfassende politische Aufgabe dar. Weiterhin beschrieb er den in kirchlichen Dokumenten festzustellenden Paradigmenwechsel – „Gerechter Friede statt gerechter Krieg“. Der Referent führte - unter Rückgriff auf die Enzyklika „Pacem in terris“ (1963) und die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ (1965) - die Friedensbildung durch eine gerechte Weltordnung und die Programmatik eines Gottesfriedens (in Anknüpfung an Jes 2,4) als Gegenentwurf zur aktuellen Machtpolitik aus. Weiterhin ging er auf das Bischofswort „Gerechter Friede“ (2000) ein, das als einzige Ausnahme von der Verpflichtung auf Gewaltverzicht die Notwehr oder die Nothilfe nennt (vgl. GF 152) und wies auf die strengen ethischen Kriterien hin, unter denen eine solche existentielle Entscheidungsfindung nach Überzeugung von GF 153 stehen muss. Abschließend erörterte er die pointierte Frage, ob sich ein Widerstandsrecht auf militärische Gegengewalt im Zeitalter „wissenschaftlicher Waffen“ rechtfertigen lässt und rückte mit „Friede diesem Haus“ (2024) die Menschenliebe in den Mittelpunkt seiner Überlegungen: „Die Feindesliebe fordert uns nämlich nicht auf, den Feind aufgrund seiner Feindschaft, sondern aufgrund des gemeinsamen Menschseins zu lieben.“ (FdH 73)

Generalvikar Georg Kestel als Gast im Theologischen Café

Während die Schülerinnen und Schüler ihre Erkenntnisse aus den Vorträgen in kleinen von Studierenden geleiteten Seminargruppen vertieften, hatten die begleitenden Lehrkräfte die Möglichkeit, das Theologische Café zu besuchen. Die kurze Fortbildungseinheit wurde von Dr. Melanie Kuhn-Lange von der Hauptabteilung Schule und Religionsunterricht des Erzbistums moderiert. Sie freute sich zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen im Religionsunterricht sehr darüber, mit Generalvikar Georg Kestel einen ganz besonderen Gast zu begrüßen, der die versammelte theologische Expert:innenrunde durch seine theologische Sicht auf das Thema „Krieg und Frieden“ wissenschaftlich und durch seine Erfahrungen aus seiner Zeit als Militärdekan pastoral-praktisch bereicherte. Ausgehend von Barack Obamas Rede zur Verleihung des Friedensnobelpreises (2009) erinnerte Kestel in Anknüpfung an das Vaticanum II, dass „der Friede nicht darin besteht, dass kein Krieg ist“ (GS 78) und dass bereits von Seiten der Konzilsväter klare Kriterien genannt wurden, unter denen ein Frieden im Rahmen einer internationalen Völkergemeinschaft aufgebaut werden könne. Auf diese Weise ergab sich nicht nur eine vielperspektivische und lebendige theologische Diskussion, sondern auch die Erkenntnis um Notwendigkeiten religionspädagogischen Handelns angesichts der tiefgreifenden Verunsicherung von Kindern und Jugendlichen in den Krisen dieser Zeit. Hierzu erhielten die Lehrkräfte ein digitale Sammlung von Materialien, Unterrichtsentwürfen, Medien, Projektideen und Links, die sie sofort in ihrem Religionsunterricht einsetzen können, um an dem wichtigen Themenfeld „Krieg und Frieden“ in der Schule weiterzuarbeiten. Am Ende des Theologischen Cafés waren sich die Teilnehmenden in einer grundlegenden Erkenntnis einig, dass das Eingehen auf die drängenden Zukunftsfragen von Schülerinnen und Schülern und das Sprechen von Hoffnung – gerade angesichts der aktuellen Krisen und Konflikte in der Welt – Proprium des Religionsunterrichts sind.

Die abschließende Aussprache mit den Schülerinnen und Schülern im Plenum zeigte die Ernsthaftigkeit und Tiefe mit der die Jugendlichen die anspruchsvollen theologischen Fragen in der Seminarphase bearbeitet hatten. „`Die andere Wange hinhalten` ist eine Form des Widerstandes“, fasste eine Besucherin am Ende eine Haupterkenntnis aus dem Studientag zusammen.

 

mkl 3/2026

Offener Studientag und Theologisches Café am 17.03.2026

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