Artikel aus dem Heinrichsblatt Nr. 5/2026:Die andere Lernwelt: Warum werteorientierte Bildung heute wichtiger ist denn je

Kinder und Jugendliche wachsen heute in einer Welt auf, die oft laut, schnell und widersprüchlich ist. Eltern fragen sich zu Recht: Welche Schule vermittelt meinem Kind nicht nur Wissen, sondern hilft ihm, innerlich stabil und orientiert zu werden?
Als neuer Hauptabteilungsleiter für Schule und Religionsunterricht durfte ich in den letzten Monaten alle acht Diözesanen Schulen der Erzdiözese Bamberg in Bamberg, Nürnberg und Schillingsfürst kennenlernen und begleiten. Was mich beeindruckt hat: Bildung bedeutet hier mehr als Unterricht nach Stundenplan. Es geht um Kopf, Herz und Haltung. „Die andere Lernwelt” – so nennen wir diese besondere Lernumgebung, in der junge Menschen lernen, ihren Weg im Leben zu finden und Verantwortung zu übernehmen.
„Zeige dich, wie du bist, und sei, wie du dich zeigst” – der Satz der Ordensgründerin Maria Ward beschreibt unser Verständnis von Schule: Kinder sollen nicht in ein Schema gepresst werden, sondern zu authentischen Persönlichkeiten reifen. Das biblische Wort „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe” (1 Kor 16,14) ist dabei kein Schmuck, sondern Maßstab für den Umgang miteinander.
Christliche Bildung hat über Jahrhunderte hinweg Maßstäbe gesetzt: in der Entwicklung des Schulwesens, in der Förderung von Wissenschaft und Kunst, im Einsatz für soziale Gerechtigkeit und Menschenwürde. Darauf können wir stolz sein. Unsere Schulen stehen in dieser großen Tradition – und gestalten sie zeitgemäß weiter.
Wir sind uns dabei bewusst: Die katholische Kirche durchlebt eine tiefe Krise. Vertrauen wurde erschüttert, Enttäuschungen sind real, und das Versagen von Menschen hat tiefe Wunden hinterlassen. Dieses Versagen verurteilen wir klar und eindeutig. Doch gerade in dieser Zeit wird deutlich: Der christliche Glaube ist nicht identisch mit dem Handeln einzelner Personen oder Institutionen. Er ist größer als unsere menschlichen Unzulänglichkeiten. Er gründet in einer Botschaft der Liebe, der Vergebung und der Würde jedes Menschen – Werte, die nichts von ihrer Kraft verloren haben, auch wenn Menschen an ihnen gescheitert sind.
Unsere Schulen verstehen sich als Orte, an denen diese Werte nicht nur bewahrt, sondern neu mit Leben gefüllt werden. Hier zeigen wir im Alltag, was christliche Werte bedeuten können: Nächstenliebe, die niemanden ausgrenzt. Wahrhaftigkeit, die auch unbequeme Fragen zulässt. Solidarität, die über den eigenen Vorteil hinausdenkt. Und die Demut, aus Fehlern zu lernen.
Gerade in einer säkularen und religiös vielfältigen Gesellschaft ist diese klare christliche Identität wertvoll – nicht als Abgrenzung, sondern als Einladung zum Dialog. An unseren Schulen lernen katholische, evangelische, muslimische und konfessionslose Kinder gemeinsam. Sie alle sind willkommen. Sie alle gehören dazu. Und sie alle profitieren von einer Bildung, die auf einem festen Wertefundament steht und zugleich offen ist für Begegnung und gegenseitigen Respekt.
So werden unsere Schulen zu Orten, an denen christlicher Glaube selbstbewusst gelebt wird und gleichzeitig Raum ist für Dialog, für Unterschiedlichkeit und für gemeinsames Lernen – in gegenseitiger Achtung und Wertschätzung. Zu Orten, an denen wir gemeinsam weitergehen, trotz und gerade wegen der Brüche, die hinter uns liegen.
Herzstück unserer Arbeit ist das Bamberger Modell – unser pädagogisches Konzept, das beschreibt, wie wir Bildung verstehen. Acht Begriffe fassen zusammen, was Kinder und Jugendliche bei uns erleben: individuelles, differenziertes, kompetenzorientiertes, gemeinsames, wertebewusstes, bedürfnissensibles, zukunftsorientiertes und ganzheitliches Lernen.
Konkret bedeutet das:
- Individuell: Jedes Kind soll seinen Platz finden – mit seinen Stärken, aber auch mit seinen Schwächen. Unterricht ist schülerbezogen, nicht schematisch.
- Kompetenzorientiert: Schülerinnen und Schüler lernen, Fakten von Fake News zu unterscheiden, einen klaren und kritischen Verstand zu entwickeln und sich sicher in der digitalen Welt zu bewegen.
- Wertebewusst: Fehler gelten nicht als Makel, sondern als Chance; Seelsorge, Beratung und ein achtsamer Umgang miteinander gehören selbstverständlich dazu.
- Ganzheitlich: Lernen umfasst Kopf, Herz und Hand – im Unterricht, in Projekten, in Gottesdiensten, in sozialen Aktionen und im Schulleben.
Kinder und Jugendliche erleben heute Spannungen: Leistungsdruck und Erschöpfung, digitale Dauerpräsenz und das Gefühl, trotzdem allein zu sein, religiöse Fragen in einer oft glaubensfernen Umwelt. Eine Schule, die ernst nimmt, was sie über Werte sagt, muss diese Spannungsfelder gemeinsam mit den jungen Menschen bearbeiten.
An unseren Schulen heißt das:
- Leistung ist wichtig, aber der Wert eines Kindes hängt nicht an der Note.
- Glaube wird nicht verordnet, sondern angeboten, erklärt, diskutiert – im Religionsunterricht, in Schulpastoral und gelebter Schulkultur.
- Digitalisierung ist nicht nur Technik, sondern Thema: Wie gehe ich verantwortlich mit Medien, Daten und Menschen im Netz um?
Junge Menschen stellen heute Fragen, die es in dieser Form früher nicht gab – oder die nicht gestellt werden durften. Fragen zur eigenen Identität, zur sexuellen Orientierung, zu Geschlechterrollen, zu verschiedenen Formen von Familie und Partnerschaft. Diese Fragen sind real, sie bewegen unsere Schülerinnen und Schüler, und sie verdienen ehrliche Antworten.
An unseren Schulen begegnen wir diesen Fragen nicht mit Ausweichen oder Vorwürfen, sondern mit Ernsthaftigkeit und Respekt. Wir wissen: Manche dieser Themen berühren Bereiche, in denen kirchliche Lehre und gesellschaftliche Realität, in denen Glaubensüberzeugung und Lebenswirklichkeit junger Menschen auseinandergehen. Wir verschweigen diese Spannungen nicht – wir machen sie zum Thema.
Das bedeutet konkret:
- Jedes Kind ist willkommen – ohne Wenn und Aber. An unseren Schulen lernen Kinder aus Patchwork-Familien, aus Regenbogenfamilien, aus Alleinerziehenden-Haushalten und aus traditionellen Familienkonstellationen. Alle gehören zur Schulgemeinschaft. Alle werden wertgeschätzt. Kein Kind soll sich für seine Familie rechtfertigen müssen.
- Wir nehmen Identitätsfragen ernst. Wenn Jugendliche sich mit ihrer geschlechtlichen Identität auseinandersetzen, wenn sie nach ihrer sexuellen Orientierung suchen, dann brauchen sie keine vorgefertigten Antworten, sondern Begleitung, Verständnis und einen geschützten Raum für ihre Fragen. Unsere Schulseelsorge und Beratungslehrkräfte sind dafür ausgebildet und stehen den jungen Menschen zur Seite – vertraulich, professionell, menschlich.
- Wir führen den Dialog zwischen Überzeugung und Offenheit. Unsere christliche Identität bedeutet nicht, dass wir jede Frage schon beantwortet haben. Sie bedeutet vielmehr, dass wir einen Werterahmen haben, in dem wir gemeinsam nach Antworten suchen: die Würde jedes Menschen ist unantastbar, Liebe ist mehr als Biologie, Wahrheit und Barmherzigkeit gehören zusammen. In diesem Rahmen sind auch kontroverse Gespräche möglich – im Religionsunterricht, in Ethik-Workshops, in Projekten zu Identität und Vielfalt.
- Wir setzen auf Bildung, nicht auf Ideologie. Junge Menschen sollen lernen, differenziert zu denken. Dass es biologisches und soziales Geschlecht gibt. Dass Identität sowohl Kontinuität als auch Entwicklung umfasst. Dass Freiheit und Verantwortung zusammengehören. Dass man verschiedene Positionen respektvoll vertreten und aushalten kann. Wir wollen keine Gesinnungsschule – weder in die eine noch in die andere Richtung.
- Wir ringen um tragfähige Wege. Nicht alle Fragen sind einfach zu beantworten. Manchmal gibt es einfach unterschiedliche Perspektiven. Das gehört dazu. Wichtig ist uns: Diese Auseinandersetzungen führen wir respektvoll, im Blick auf das Wohl der Kinder und Jugendlichen, und in dem Wissen, dass wir als Kirche auch hier noch auf dem Weg sind.
Eines aber ist klar: Kein Kind soll an unseren Schulen die Erfahrung machen, dass es falsch ist, so wie es ist. Jedes Kind soll erleben, dass es geliebt und gewollt ist – von Gott und von dieser Schulgemeinschaft.
Diese Offenheit ist keine Beliebigkeit. Sie entspringt unserem christlichen Menschenbild: Gott hat jeden Menschen als Original geschaffen, nicht als Kopie. Zugleich bleiben wir im Dialog mit der kirchlichen Tradition, mit den Eltern, mit der Gesellschaft. Wir wissen: Nicht jede Frage lässt sich einfach auflösen. Aber jede Frage verdient es, in Würde gestellt und bearbeitet zu werden.
An unseren Schulen erleben junge Menschen, dass christlicher Glaube nicht bedeutet, fertige Antworten zu haben, sondern einen Kompass für die Suche nach dem guten Leben. Dass Liebe, Respekt und Wahrhaftigkeit keine leeren Worte sind, sondern gelebte Praxis. Und dass eine Schule, die sich christlich nennt, zuallererst ein Ort sein muss, an dem niemand Angst haben muss, er oder sie selbst zu sein.
Wer unsere Schulen verlässt, hat mehr mitgenommen als einen Abschluss: eine gewachsene Persönlichkeit, Urteilsvermögen, die Erfahrung, in einer tragenden Gemeinschaft groß geworden zu sein – und das Wissen, dass unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen respektvoll zusammenleben können.
Unter der Leitung von Herrn Erzbischof Herwig Gössl und davor Herrn Erzbischof em. Ludwig Schick sowie Herrn Generalvikar Georg Kestel hat die Erzdiözese Bamberg massiv in Bildung investiert. Der moderne Neubau der Maria-Ward-Schulen in Nürnberg und die laufende Generalsanierung in Bamberg sind deutliche Zeichen: Bildung hat höchste Priorität. Diese Investitionen schaffen nicht nur moderne Lernräume, sondern zeigen das Vertrauen in die Zukunft unserer Kinder und in den Auftrag katholischer Schulen.
All das lässt sich am besten erleben, wenn man unsere Schulen betritt, mit Lehrkräften, Eltern und Schülerinnen und Schülern ins Gespräch kommt und die Atmosphäre selbst spürt. Deshalb laden die Diözesanen Schulen der Erzdiözese Bamberg herzlich zu ihren Informationsveranstaltungen und Tagen der offenen Tür ein.
Dort können Sie sich über Profile, Schwerpunkte und Übergangsmöglichkeiten informieren, konkrete Fragen stellen – von der Schullaufbahn über Ganztagsangebote bis hin zur Seelsorge und digitalen Ausstattung – und einen ersten Eindruck von der Gemeinschaft gewinnen, die Ihr Kind erwarten würde.
Wer sein Kind an einer unserer Schulen anmeldet, entscheidet sich für eine Gemeinschaft, in der christliche Werte, hohe pädagogische Qualität und ein liebevoller Blick auf jedes einzelne Kind zusammenkommen.
Sie sind herzlich eingeladen, „die andere Lernwelt” vor Ort kennenzulernen.
Text: Alexander Pfister